Jackie Chan Mega-Marathon LIX

Shinjuku Incident

Deutscher Titel: Stadt der Gewalt
Originaltitel: Xin Su shi jian / San Suk Si Gin
Englischer Titel: Shinjuku Incident
Erstveröffentlichung: 2009
Deutsche Erstveröffentlichung: 2009 (Asia Filmfest in München) / 2010 (DVD)
Laufzeit: 119 Min.
Empfohlene Heimversion: Der deutsche Verleiher KSM hat es in dem Fall sehr einfach gemacht: Die FSK-16-Versionen des Films sind um einige Gewaltspitzen erleichtert, die FSK-18-Scheiben ungeschnitten. Die FSK-18-Blu-ray von KSM soll eine gute Bildqualität aufweisen.

China in den frühen 1990ern, vor dem Wirtschaftsboom: Tietou (übersetzt mit „Steelhead“, gespielt von Jackie) ist ein armer Bauer. Viele seiner Freunde emigrieren in der Hoffnung auf ein besseres Leben illegal nach Japan . Auch seine langjährige Freundin Xiu Xiu, die er bald heiraten will, besucht ihre Tante in Tokyo und will dort ihr Glück probieren. Xiu Xiu verspricht Steelhead, zu ihm zurückzukehren, sobald sie genug Geld verdient hat.

Als seine Verlobte sich jedoch nicht mehr meldet, macht sich auch Steelhead nach Japan auf. Auf der Flucht vor der Polizei verliert er seine Papiere und muss untertauchen. Im Stadtteil Shinjuku in Tokyo findet er einige seiner alten Freunde aus dem Dorf wieder, die sich als illegale Arbeiter mit den dreckigsten aller Drecksjobs durchschlagen. Einige stehlen auch Uhren und andere Wertgegenstände und verkaufen sie an Händler. Steelhead will zunächst bei den kriminellen Aktivitäten nicht mitmachen. Dann entdeckt er, dass Xiu Xiu die soziale Leiter erklommen ist, indem sie statt ihn einen hochrangigen Yakuza geheiratet und sogar schon ein Kind von ihm hat.

Die illegalen Migranten leben zunächst auf engstem Raum zusammen.

Fortan hat Steelhead nur noch ein Ziel: Er will legalen Aufenthaltsstatus erlangen und aus dem Untergrund herauskommen. Da er dafür jedoch viel Geld braucht, startet er dann doch eine kriminelle Karriere, die äußerst erfolgreich verläuft. Die chinesischen Migranten sind in Tokyo mit Rassismus und Ausgrenzung konfrontiert und geraten mit den örtlichen Yakuza und einer taiwanesischen Gang aneinander. Schließlich droht ein Bandenkrieg auf offener Straße.

Jie, ein enger Freund von Steelhead, ist zu sanftmütig für das Verbrecherleben und bekommt von seinen Freunden einen fahrbaren Maroni(Esskastanien)stand. Als er mit der Tochter eines Gangsterbosses flirtet, wird er zusammengeschlagen. Später ist er zur falschen Zeit am falschen Ort und sein Gesicht wird mit einem Messer entstellt. Steelhead gewinnt das Vertrauen des Yakuza, der seine Freundin geheiratet hat. Er will sie aber nicht zurückgewinnen, sondern ein gutes Leben für sich, Jie und seine Freunde. Diesen gefällt ihre neu gewonnene Macht jedoch und sie scheinen gar nicht die Absicht zu haben, jemals aus der Kriminalität wieder herauszukommen.

Jeder Film, in dem sich ein mittelloser Migrant zu einem Gangsterboss aufschwingt, muss zwangsläufig mit dem Brian-De-Palma-Klassiker Scarface verglichen werden. Während Tony Montana jedoch brutal, skrupellos und geltungssüchtig ist, ist Steelhead ein viel anständigerer, besonnenerer Ganove, der sich sowohl um seine Nächsten als auch um Fremde kümmert. Solch luftige Höhen wie Scarface erreicht Shinjuku Incident freilich nicht, ist aber eine gelungene Mischung aus Drama und Mafiathriller.

Ich mag japanische Yakuzafilme und Shinjuku Incident ist zur Hälfte einer. Im völligen Kontrast nicht nur zum familientauglichen Kino von Jackies Spätphase, sondern auch zu fast seiner gesamten Karriere ist es ein durch und durch ernster Thriller mit abgehackten Händen und vielen dramatischen Szenen. In diesem Marathon befindet er sich zwischen zwei amerikanischen Kinderfilmen, The Forbidden Kingdom und The Spy Next Door. Gerade hatte sich Jackie im Animationsfilm Kung Fu Panda noch wortwörtlich zum Affen gemacht, plötzlich war er mordender Immigrant in einem düsteren Drama (Kung Fu Panda ist nicht Teil des Marathons, weil Sprechrollen, wie erwähnt, ignoriert werden).

Shinjuku Incident hat keine Comedy und fast keine Action. Die Gewalt passiert nicht zum Spaß, sondern dient stets einem dramaturgischen Zweck. Die Kombination aus Einwandererdrama und Mafia-Genrefilm funktionierte nicht für alle. Ich finde, Jackie hatte vorher und nachher nie wieder ein so gutes Drehbuch und so viele gute Schauspieler um sich. Der Zusammenhalt der chinesischen Freunde und ihre Taktiken, in der brutalen Schattenwelt von Tokyo zu überleben, sind fesselnd und vergleichsweise sehr realistisch.

Bereits Crime Story (dt. Titel: Hard to Kill) schlug ernstere Töne an, war aber ein Action- und purer Unterhaltungsfilm. 2017 hatte Chan in The Foreigner eine viel beachtete ernste, dramatische Rolle. Aber zum ersten Mal passierte das in Shinjuku Incident. Ich war sehr positiv überrascht von dem Film und hätte wirklich nicht geglaubt, in Jackies Spätphase noch auf einen 5-Sterne-Film zu stoßen. Wer auf den Geschmack gekommen ist und mehr gute chinesische Mafiafilme möchte, könnte sich z.B. die exzellenten Election, Election 2 und The Mission von Johnnie To ansehen.

Shinjuki Incident lief in China nicht in den Kinos. Es gab ein Gerücht, wonach die Filmbehörde in Beijing eine Veröffentlichung aufgrund der negativen Darstellung der Chinesen als Tagelöhner und Kriminelle verboten hätte. Anderswo wurde behauptet, der mehrfach ausgezeichnete Regisseur Derek Yee und Produzent Jackie Chan wären sich einig gewesen, den Film wegen der Gewaltdarstellungen in China nicht zeigen zu wollen. Denn in China gibt es, im Gegensatz zu Hongkong und anderen asiatischen Märkten, keinerlei Altersfreigaben. Man wollte, laut dieser Darstellung, auch keine Gewaltszenen rausschneiden, um die Integrität des Films zu wahren. Die meisten Quellen berichten dagegen etwas ganz Anderes: Die chinesische Regierung habe den Film tatsächlich verboten und als Grund die Gewaltdarstellungen genannt. Vielleicht wollte die autoritäre, kommunistische Regierung ihr Volk nicht an die junge Vergangenheit erinnern, die nicht mehr in das Selbstbild Chinas als neue Weltmacht passt. China macht den USA aktuell den Rang als größter Filmmarkt streitig, hat jedoch bis heute (Stand: Februar 2022) noch immer kein Altersfreigaben-System, dafür eine lebendige (Un)kultur der Filmzensur.

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