Top Gun: Maverick ist der beste Film des Jahres

Top Gun: Maverick ist ein epochales Spektakel, der beste Actionfilm seit Mad Max: Fury Road und so etwas wie ein bombastisches Anti-Netflix-Statement. Denn es ist eben nicht egal, ob man in einem dunklen, lauten IMAX-Kino mit Riesenleinwand sitzt, oder zu Hause auf dem Sofa vor dem Laptop/TV und ständig von Push-Benachrichtigungen am Handy, Kindern oder Haustieren abgelenkt wird. Top Gun 2 ist Top Fun! Wer hätte das erwartet? Ich jedenfalls nicht. Schon vor seiner Premiere in Cannes war ein großer Hype um die Fortsetzung zum 36 Jahre alten Sommer-Blockbuster Top Gun. Tony Scotts stylischer, patriotischer, sentimentaler und merkwürdig homoerotischer Macho-Actionfilm ist bekanntlich einer der essentiellen Filmwerke der 1980er und machte Cruise endgültig zum Megastar. Wie auch die Fortsetzung wurde er in Zusammenarbeit mit dem US-Militär produziert. Top Gun war so beliebt und kulturell dominant, dass noch ganze fünf Jahre später die Parodie Hot Shots! ein großer Kino-Erfolg wurde.

© Paramount Pictures Corporation

Der Soundtrack war fast so ikonisch wie der Film selbst und erreichte Neunfach-Platin. Schmuserocker Bryan Adams hätte damals auch einen Song abliefern sollen, fand den Film aber zu kriegsverherrlichend. So auch Val Kilmer, der mit dem Actionfilm nichts zu tun haben wollte und von seinem Agenten angeblich gezwungen wurde, als „Iceman“ dabei zu sein. In der Fortsetzung hat Kilmer eine der bewegendsten Szenen und wir sehen die Männerfreundschaft zwischen Maverick (Cruise) und dem Iceman in ihrem aktuellen, sehr späten Stadium.

Iceman (Val Kilmer, links) im Vorgängerfilm
© Paramount Pictures Corporation

Einer von Mavericks Vorgesetzten (Jon Hamm oder Ed Harris, ich kann mich gerade nicht erinnern) merkt an, dass er mit seinen Referenzen und Auszeichnungen eigentlich schon Admiral oder sogar Senator sein könnte. Doch wie sein Name schon verrät, ist Maverick eigenwillig und unkonventionell. Er konnte sich dem System nie ganz fügen und sich Autorität nie zur Gänze unterwerfen. Das ist keine gute Voraussetzung für eine Militärkarriere, doch die Erfolge sprechen für ihn. Der Iceman hält bei der Navy im Hintergrund eine schützende Hand über Maverick und schlägt ihn für eine Mission vor, die selbst für die besten Navy-Piloten des Landes zu schwierig zu sein scheint.

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Maverick soll junge Eliteflieger zu einem Team ausbilden, um die unmögliche Mission möglich zu machen. Wenn sie dabei überleben, noch besser. Ganze drei „Wunder“ – schier unausführbare Manöver – sind notwendig, um ein Atomlager in einem Krater zu zerstören. Als Mavericks Vorgesetzte seine Lösung für menschenunmöglich befinden, zeigt er ihnen kurzerhand selbst bei einer Simulation, dass es machbar ist. Der junge Lt. Bradshaw, genannt „Rooster“ ist der Sohn des im Vorgänger tragisch verunglückten „Goose“ und hat mit Maverick noch eine Rechnung offen. Gespielt wird er von Miles Teller (Whiplash, War Dogs). Jennifer Connelly (A Beautiful Mind, Requiem for a Dream, Hulk) tritt als sympathische, selbstbewusste MILF mit Kind von einem Ex auf, inklusive Porsche und Aussicht auf einen schönen Lebensabend.

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Erstaunlicherweise ist Top Gun: Maverick nicht Opfer der Postmoderne geworden. Hier gibt es kein ständiges Augenzwinkern, keinen Hauch Zynismus, keine billigen Meta-Witze. Mavericks fortgeschrittenes Alter wird freilich nicht ignoriert und der Humor kommt nicht zu kurz, aber der Film macht sich in keiner Sekunde über sich selbst lustig. Hier wird reiner, köstlicher Wein eingeschenkt und ehrliche, altmodische, unapologetische, geradlinige Unterhaltung geboten, die technisch brilliert und perfekt durchkomponiert ist. Keine Szene, kein Detail, kein Blick ist umsonst. Es ist ein Konzert aus ständigem Setup und Payoff, das mitreißt und auch emotional befriedigt. Die 130 Minuten sind wie im Jetflug vorbei.

Miles Teller als Rooster
© Paramount Pictures Corporation

Tom Cruise ist bekannt dafür, so etwas wie der amerikanische Jackie Chan sein zu wollen, indem er so gut wie alle seine Stunts selbst performt. Er geht keine Kompromisse ein, also warum solltet ihr das tun? Tut euch selbst einen riesigen Gefallen und seht euch den Film in IMAX an, denn dafür wurde dieses Spektakel gemacht. Ich hatte schon lange nicht mehr so eine tolle Kino-Erfahrung: Rechts von mir fieberte eine Dame so sehr mit dem Film mit, dass sie die meiste Zeit ihre Hand über den Mund hielt. Links von mir musste sich ein Mann Mitte dreißig immer wieder Schnäuzen, weil er so zu Tränen gerührt war. Auch ich musste ein oder zwei mal mit den Tränen kämpfen. Nicht nur, weil der Film bewegend war, sondern auch aus Freude darüber, dass er so bewegend war. Kennt ihr das, wenn das Kinoerlebnis so mitreißend war, dass man danach wie auf einer Wolke schwebt? Wem dieses Gefühl abgegangen ist, es vielleicht seit seiner Jugendzeit nicht mehr erlebt hat, der könnte es sich in Top Gun: Maverick eventuell wieder holen.

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Nach 28 Filmen im MARVEL-Universum (zuletzt erschien Doctor Strange in the Multiverse of Madness) hatte bei mir eine gewisse CGI-Müdigkeit eingesetzt. Es ist erfrischend, Actionszenen zu sehen, die offensichtlich real und unter erheblichem Aufwand gefilmt wurden und nicht wie Videospiele aussehen. Wie bei Mad Max: Fury Road sieben Jahre zuvor zeigt Top Gun: Maverick, wie sehr es sich auszahlt, wenn man Blut, Schweiß und Tränen investiert, anstatt in ein riesiges Heer von Computergrafikern. Natürlich hat der Computer auch bei dieser Fortsetzung mitgeholfen, aber das CGI verschmilzt perfekt mit den echten Aufnahmen und den praktischen Effekten.

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Ich glaube, dass ich noch nie das Wort „epochal“ in einer Rezension verwendet habe. Da denkt man eher an alte Historienschinken aus den 1950ern. Top Gun: Maverick hat dieses Wort verdient. Während ich das schreibe, ist der Film noch nicht in den USA angelaufen und ich hoffe, dass er zu einem Riesenerfolg wird. Das Publikum, vor allem das jüngere, wird heute von allen Seiten mit Entertainment zugeschissen, also dürfte diese Fortsetzung wohl nicht denselben Effekt auf die Popkultur haben wie der Vorgänger. Top Gun gilt als hurrapatriotisch, doch in beiden Filmen wird Politik auf der Handlungsebene außen vorgelassen. In Maverick sind die wenigen menschlichen Gegner gesichtslose Kampfflieger ohne erkennbare Staatszugehörigkeit.

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Schon lange haben Computereffekte und Franchise-Namen den Filmstars den Rang abgelaufen. Tom Cruise, der letzte große Hollywood-Star, wird im Juli 60. Ansehen tut man ihm das nicht. In einer Szene lässt ein Admiral Maverick wissen, dass seine Zeit vorbei ist. Eine Ansage mit Gewicht: Tom Cruise ist alt. Der Zeitgeist ist ein anderer. Die Hollywood-Industrie steht, trotz Ende der Pandemie, im Vergleich zu 2019 auf ziemlich wackligen Beinen. Es ist noch immer unklar, wie lange das Kino noch überlebt. „The end is inevitable, Maverick. Your kind is headed for extinction“, meint der Admiral, worauf Maverick antwortet: „Maybe so, sir. But not today.“

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